Hamburger Geschichten und Sagen

Hamburger Geschichten

 

Störtebekers Kanonen

Hamburg - Störtebekers Kanonen

Der Teufel war es auch, der dem gewaltigen Seeräuber Claus Störtebeker geholfen hat, daß er immer Glück bei seinen kühnen Fahrten hatte und lange nicht gefangen werden konnte. Von diesem wilden Gesellen wissen besonders die Finkenwerder Fischer und Schiffer zu erzählen. Er hat nämlich eine ganze zeitlang in einem Graben auf Finkenwerder sein Boot liegen gehabt. Der Pfahl, an dem er es angebunden hatte, soll heute noch stehen. Eine zeitlang hat er im Schloss zu Ritzebüttel gewohnt. Die Hamburger wollten ihn dort wieder heraus haben. Das hat aber einen harten Kampf gekostet. An der Stelle, wo Störtebeker gestanden und mit seinem Schwert um sich gehauen hat, schwitzt die Wand heut noch Blut. Kleine, dunkelrote Tropfen sitzen da noch an der Mauer und lassen sich beim besten Willen nicht wegschruppen. Immer wieder schwitzt der Stein Blut.

 

Von dem Schloss aus geht ein unterirdischer Gang unter der See nach Neuwerk. Von dem Gang wusste nur Störtebeker. Darin versteckte er sich, wenn er in Gefahr war, daher konnte man ihn nie fangen. Die Eingänge sind in dem Augenblick zusammengefallen, als der Seeräuber geköpft wurde.

Auf dem Wall zu Ritzebüttel stehen heute noch ein paar alte verrostete Kanonen. Sie heißen bei den Fischern und Schiffern “Störtebekers Kanonen”. Die soll er an Bord seines Schiffes gehabt haben.

Quelle: Schulze Clara, Wildschütz Eidi und andere Sagen aus dem Wandergebiet Hamburgs. Hamburg 1930. S. 42 f.

Der Esel als Dudelsackpfeifer

Die Frau Gesche von Holten war einstmals die reichste Frau in Hamburg. Zu der kam einmal ein armer Verwandter, um sie um Unterstützung zu bitten. Aber schnöde wies sie ihn ab und als er ihr sagte, dass auch ihr Glück vielleicht nicht ewig dauern würde, antwortete sie ihm: “Eher kann der Esel auf dem Dudelsack pfeifen lernen als ich arm werden.”

Später ist sie so arm geworden, dass sie vom Brot aß, das den Hühnern vorgeworfen wurde. Nun schlich sie einmal nach der Gasse. Da begegnete sie einem Possenreißer; der führte einen Esel, der einen Dudelsack spielte. Da dachte sie daran, was sie einmal gesagt hatte, als sie noch reich war. Bald darauf ist sie gestorben. Auf ihr Grab wurde ein Stein gesetzt. Auf diesem war ein Bild von einem Esel, der einen Dudelsack blies.

Quelle: Lutz Mackensen, Hanseatische Sagen, 1928

 

Altona

Auf dem Hügel, wo jetzt Altona steht, standen vor einigen hundert Jahren nur wenige elende Fischerhütten. Da wetteten zu einer Zeit die reichen Hamburger miteinander, sie könnten, wenn sie nur wollten, mit ihrem Gelde noch eine solche Stadt erbauen wie Hamburg. Gesagt, getan. Um nun zu erfahren, wo das erste Haus gebaut werden sollte, band man einem Waisenknaben die Augen zu, damit er nicht sehen könnte, und ließ ihn gehen, wo er aber zuerst hinfiele, sollte die Stadt stehen. Der Knabe ging fort, kam bald von dem Hamburger Gebiet auf holsteinischen Grund und Boden, und wie er nun an jenen Hügel kam, stieß er an und fiel nieder. Da riefen die Hamburger: “Dat is ja all to na!” Aber sie hielten doch Wort, die Stadt ward dahin gebaut und bekam den Namen Altona.

Quelle: Karl Müllenhoff, Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Neu bearbeitet von Otto Mensing. Schleswig 1921. Nr. 109

Hans mit Gott

Vor mehreren Jahren wanderte in Hamburg und Altona ein alter Mann umher, der war blödsinnig und hieß allgemein Hans mit Gott. Er war in seinen jungen Jahren ein Bleidecker gewesen. Da ward ihm einst aufgetragen, an dem Turm der Petrikirche in Hamburg etwas zu reparieren. Aber er ward bei der Arbeit schwindelig und stürzte hinunter. Gerade in dem Augenblick ging unten ein Jude vorüber, Hans fiel ihm auf den Kopf, und der Jude war auf der Stelle tot. Er selber kam zwar mit dem Leben davon, war aber seit der Zeit von der furchtbaren Erschütterung von Sinnen.

Doch des Juden Anverwandten wollten den Tod ihres Vetters nicht hingehen lassen und klagten Hans auf den Tod an. Da wusste der Rat die Sache gar nicht zu entscheiden, gab aber endlich dieses Urteil: Es sollte ein anderer Jude an derselben Stelle, wo Hans gearbeitet, vom Turm hinuntergeworfen werden, und Hans sollte unten vorübergehen, und der Jude sollte ihm auf den Kopf fallen. Käme der Jude mit dem Leben davon und würde Hans totgeschlagen, so hätten sie ja ihr Recht; bliebe aber dieser am Leben und jener käme um, so könnten sie von neuem klagen. Da gerieten die Juden in Angst und legten die Sache still bei. Der blödsinnige Hans aber nannte sich nur der arme Hans mit Gott, ging von Haus zu Haus und fand überall Mitleid.

Quelle: Karl Müllenhoff, Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Neu bearbeitet von Otto Mensing. Schleswig 1921. Nr. 105